Die gefrornen Fenster

Die gefrornen Fenster von Berthold Heinrich Brockes

In Häusern findet man, zur Winters-Zeit,
Solch‘ eine wunderbar formierte Zierlichkeit,
Die keiner tüchtig zu beschreiben,
Wenn die gefrornen Fensterscheiben,
Von tausend zierlich und schönen Kreaturen,
Uns tausend zierliche Figuren,
In solcher zarten Nettigkeit,
In solcher lieblichen Vollkommenheit,
Die doch in dunkler Nacht gezeuget, früh uns zeigen.

Man siehet in den kalten Zimmern
Oft Täler, Felsenbrüch‘, erhabne Berge, Felder,
Nebst ungezählten krausen Zweigen,
Als wenn sie in Kristall geschnitten wären, schimmern.
Man siehet Wolken, Buschwerk, Wälder,
So Tannen bald, Palm- und Eichen,
An Baumschlag, Zweig‘ und Stämmen gleichen:
Von Blumen, Sternchen, Vögeln, Tieren,
Von Federbüschen, Fliegen, Mücken,
Sich mancherlei Gestalt formieren,
Ja sich zuweilen gar mit rechten Schlössern schmücken.

Die Schlösser aus gefrornem Duft,
So man, im Frost am Fenster schauet,
Vergleichen sich den Schlössern in der Luft,
Die mancher sich des Nachts auf seinem Lager bauet,
Die nicht von längrer Daur, als eines Traumes Freude.
Denn eh man sich’s versieht, sind beide schnell dahin,
Die dort aus dem Gesicht, die hier aus unserm Sinn:
Der Sonnen Strahl vereitelt alle beide.

Ein jedes Scheibenglas gleicht einer Schilderei,
In einem glatten Rahm‘ von Blei,
So eine Winterlandschaft zeiget:
Ein jedes ist so schön, so wunderschön geschmückt,
Die Bilder so subtil und deutlich ausgedrückt,
Daß es nicht nur das Aug‘ ergetzet,

Das Hertz selbst in Vergnügung setzet,
So gar, daß wer es sieht und diese Pracht ermißt,
Der strengsten Kälte selbst darüber ganz vergißt.
Zumal wenn an und durch die klaren Spitzen
Der Morgenröte Strahlen blitzen,
Und an dem weißen Eis ihr lieblich rötlich Licht
Auf tausend Arten sich im Wiederschlagen bricht;
So schwüre man darauf, da es so schön durchstrahlet,
Als wär ein jeder Strich, als wär' ein jedes Bild,
Ein jegliches Gewächs, womit es angefüllt,
Mit diamantnem Staub entworfen und gemalet.
Allein, indem sie recht im höchsten Schimmer prangen,
Sind sie vergangen.
Seh' ich so manche schön- und zierliche Figur
In einem Augenblick zerfließen und verschwinden;
So deucht mich, von der sich verwandelnden Natur,
Als ihrem Urbild selbst, ein schreckend Bild zu finden.
In der, hierdurch auch mich bedrohnenden, Gefahr
Ist dies mein Trost: Ich werde doch bestehen.
Laß alles schwinden und vergehen;
Mein Gott ist stets unwandelbar.

Berthold Heinrich Brockes, Die gefrornen Fenster

Das Gedicht finden Sie im Buch der Weihnachtsgedichte oder auch hier
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